Dienstag, 3. November 2015

Vegane Studien

 Tierversuche mit doppelter Katze: "Ich bin weder Fisch noch Fleisch ... noch Rübe."

„Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, lautet ein bekanntes
Sprichwort. Denn: Sollte man wirklich alles glauben, was derzeit über alternative
Ernährungsformen geschrieben wird? Ich habe nachgeforscht.

Seit einiger Zeit fühle ich mich wie ein Sandwichkind. Ich bin weder Fisch noch Fleisch ... noch Rübe. Früher galt meine Ernährungsweise schlicht als Marotte. Eine Phase, die sicher bald vorbeigehen würde. Traf ich einen anderen Vegetarier, was selten vorkam, fühlten wir uns wie verbündete Exoten. Verschwörerisch tuschelten wir dann abseits der anderen über die Entdeckung der Tofuwurst.
    Vorbei. Diese Welt kennt nur noch Veganer oder Fleischesser. Entweder-oder. Böse oder gut. Und keiner von beiden lässt mich noch mitspielen: Werfen mir Veganer fehlende Konsequenz vor, verdächtigen mich Fleischesser insgeheim, doch militant zu sein. Das Leben ist verdammt komplex geworden.

Ernährung ist in Mode

So komplex, dass „Keine-Tiere-Essen“ auch längst nicht mehr ausschließlich durch Tierliebe begründet werden kann. Sie ahnen, worauf das hinaus-läuft? Genau: Pflanzenfresser leben länger. Das belegen inzwischen so an die vier- bis fünftausend Studien. Dabei lässt sich Langlebigkeit genauso für Dünne, Dicke, Glückliche, Gelassene, Läufer, Golfer, Tierbesitzer, Asiaten oder Marsbewohner prognostizieren. Denn: Wo immer eine Zielgruppe ist – irgendwer murkst schon eine Statistik zusammen.
    Noch viel aufregender finden wir Statistiken, wenn Sie dann auch noch ordentlich unter die Gürtellinie zielen: „Immer mehr Menschen leben vegan oder vegetarisch. Eine Studie hat jetzt herausgefunden, woran es liegen könnte: Veganer haben einfach besseren Sex“. Uff. Doch genau so las ich es im Nachrichtenmagazin Focus. Wie darf man sich diesen Vorgang also vorstellen? Besagte Leute wussten bereits im Vorfeld dieser Studie – die das „vegane Besser-Sex-Haben“ ja erst belegt – dass sie nach der Ernährungsumstellung besseren Sex haben werden? Was für ein Hirnsalat.
    Doch damit nicht genug. Denn besagte vegane Sex-Studie verkündet auch: „Nutrition is the new Fashion“ (Ernährung ist die neue Mode). Und „Fashion“ ist dann im Umkehrschluss was? Sex? Frauen mit Schuhtick haben es immer gesagt.

Hinter jedem Trend steckt ein Konzern

Die Welt der Ernährung ist bekanntlich voller Mythen. Hartnäckig hält sich ja auch das Gerücht, Fleischersatzprodukte seien ausnahmslos ethisch einwandfrei. Auch hierzu gibt es natürlich eine Studie, diesmal aufschlussreich und leicht überprüfbar. Sie besagt, dass hinter zahlreichen „Fleischersatzprodukt-Marken“ in Wahrheit milliardenschwere Fleischkonzerne stecken. Glauben Sie nicht? Googeln Sie doch mal das Veggie-Produkt „Garden Gourmet“ – Sie stoßen früher oder später auf den größten und ethisch umstrittensten Lebensmittelproduzenten der Welt: Nestlé. Oder Sie suchen „Vegetaris“ – und finden: Die Sieber Gesellschaft für Wurst- und Schinkenspezialitäten mbH.
Vielleicht lebt der junge Trend-Veganer also länger. Oder er hat mehr Freude an der Fortpflanzung. Gegebenenfalls investiert er aber auch intensiv und ohne es zu wissen genau in das, was er verhindern möchte: Tierschlachtung im großen Stil.
    Das Leben ist eben verdammt komplex geworden.

Dienstag, 30. Juni 2015

Dafür, dagegen zu sein?

Die Welt ist schwarz und weiß: Was gesund ist, schmeckt nicht, und was moralisch
wertvoll ist, ist auch gesund. „Wirklich?“. Ich wage hier mal den Schritt in die gedankliche Grauzone.

  "Dagegen sein" ist für viele Menschen eine Grundeinstellung. Erstaunlicherweise tangiert diese Haltung besonders die Dinge, die diese Menschen nie probiert haben. „Grundlos gute Laune haben“, zum Beispiel. Am häufigsten begegnet einem dieses Phänomen, wenn es ums Essen geht. Geschmäcker sind verschieden, logisch.

Müsli aus Wurst

  Neulich in der S-Bahn wurde ich Zeugin eines Gesprächs zwischen zwei Zwanzigjährigen: „Und dann legt Sie DAS auf den Grill und sagt DAS ist vegan!“, Ekel breitet sich auf dem frisch geschminkten Gesicht aus, als ginge es um Fußpilz im Salat. „Und ich so: DAS kann ja gar nicht schmecken!“, dabei durchfährt ihre Stimmhöhe eine Achterbahn. Gänsehaut. Ich werfe ihr einen Blick zu, tödlich wie ein Bolzenschussgerät. Was hat dieses Mädel wohl zum Frühstück gegessen? Müsli aus Wurst? Stullen aus Fleisch? Hähnchenflügel mit Nutella? Wenn tatsächlich alles Vegane grässlich schmeckte – wer wäre dann für den deutschen 80 kg-per-Kopf-Verbrauch an Brot verantwortlich? Wer äße jährlich die rund 8 kg Nudeln? Ein Mysterium.

Fleischfreie Fleischprodukte

 Doch auch tatsächliche „Fleischersatzprodukte“ verdienen diesen schlechten Ruf nicht, wie ich nun durch die ZDF-Sendung „WISO“ erfahren habe: 50 Passanten sollten eine vegetarische und eine nicht vegetarische Scheibe Mortadella blindverkosten. Das überraschende Ergebnis: 27 Probanden schmeckte die Veggie-Wurst besser. Und: Kaum jemand hat erkannt, dass eine der Würste überhaupt kein Fleisch enthielt.
    Glücklicherweise sind nur wenige Menschen derartig lang in ihrer postpubertären Phase gefangen, wie das S-Bahn fahrende Mädchen. Deshalb avancierten „fleischfreie Fleischprodukte“ – welch Oxymoron – in den letzten Jahren zu einem wahren Kassenschlager. Von 30 Prozent mehr Umsatz ist heute die Rede. Ausgerechnet ein großer Wursthersteller, der mit der Mühle im Markenzeichen, hat die Zeichen der Zeit erkannt und fährt aktuell große Erfolge mit Veggie-Schnitzel und Co ein.

„Foodie“ trifft „Selfie“ 

 Zum Zeitgeist gehört es für Trend-Esser auch, jede halbwegs ansehnlich frittierte Runkelrübe auf Instagram oder Facebook als „Foodie“, also ein Essens-Foto, hochzuladen. Natürlich nur in Kombination mit einem „Selfie“, das die hervorragende Auswirkung dieses „Super-Foods“ auf den eigenen „Super-Body“ belegt. So wirbt „LaurenCocoXO“ im sozialen Netzwerk halbnackt in einem selbstgedrehten Video für das Mühlen-Veggie-Schnitzel. 593 Worte pro Minute plappernd, akustisch untermalt von schrillen Techno-Beats erklärt sie, wie man das Panier-Brät zubereitet. Wohlbemerkt: ein Fertigprodukt.
    Nur: Sind „Fleischersatzprodukte“ auch wirklich so gut für den Körper? „WISO“ hat auch hier den Test gemacht: Palmfett, Verdickungsmittel, Aromen und bis zu 7 Zusatzstoffe finden sich in den meisten vegetarischen oder veganen Wurst-, Schnitzel- und Frikadellenprodukten. Gesund klingt anders.

Neugierde, eine Zierde 

Auch „neugierig sein“ ist für viele Menschen eine Grundeinstellung. Glücklicherweise tangiert diese Haltung besonders die Dinge, die diese Menschen nie probiert haben. Denn nur deshalb wissen wir: „Vegan“ kann gar nicht grundsätzlich eklig sein. Aber eben auch genauso wenig grundsätzlich gesund.

 


Mittwoch, 22. April 2015

Du bist, was du isst

Man sollte meinen, dass die Art und Weise sich zu ernähren ausschließlich den Inhalt
des eigenen Kühlschranks beeinflusst. Tut es aber nicht. Individuelle Ernährung ist ein Lifestyle geworden. Über den kruden Krieg zwischen Veggies und Fleischessern.

Kürzlich erhielt ich eine Einladung zum veganen Laufen. Richtig, veganes Laufen. Prompt bemühte sich mein Hirn mir das passende Bild in die hohle Stirn zu werfen. Error, Auftrag abgebrochen, Fehlermeldung 404! Eine Ansammlung tierfreundlicher Ernährungsregeln und eine Form der Fortbewegung – wie genau kann das auf eine einzige Tätigkeit reduziert werden? Die graue Masse hat keine Idee, Grübelersatz Google auch nicht. Was sagt denn der Initiator besagter veganer Laufgruppe selbst dazu? „Wenn man sich vegan ernährt, kommt automatisch eine im Vergleich zu vorher gesteigerte Leistungsfähigkeit und der Wille, lange gesund zu leben. Man möchte einfach noch mehr mit sich ins Reine kommen, körperlich und mental.“ So kommt der Veganer offenbar zwangsläufig irgendwann zum Laufen. Puh.
    Automatisch leistungsfähiger, gesünder und reiner – ausschließlich durch vegane Ernährung? Und dem Porschefahrer verleiht sein Gefährt Macht, Reichtum und Potenz. Seht ihr: Totaler Murks.

Vegane Parallelwelt

„Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln der Menschen so sehr wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit“. Ein Satz Franz Werfels von zeitloser Wahrheit. Denn: Ist es nicht ein Phänomen, dass die Sehnsucht nach Abgrenzung gegenüber anderen häufig zu einer Art alle Lebensbereiche durchdringender Über-Identifikation mit dem eigenen Lieblingsthema führt? Soll heißen: Plötzlich fährt man vegan Mountainbike, philosophiert vegan über Poesie und verliebt sich selbstverständlich auch vegan auf vegan-rohköstlichen Singlepartys.
    Aber halt, halt, halt! Nicht dass hier der Eindruck entsteht, ich würde ausschließlich auf Fleischvermeidern rumhacken. In Ostfriesland gibt es andersherum eine Gemeinschaft mit dem klingenden Namen: „Der Club der bekennenden Fleisch- und Wurstesser“. Das Distinktionsmerkmal jedes Clubmitglieds? Eine weiße Krawatte mit putzigen bunten Wurstbildchen darauf. Wem das bloße Binder-Bekenntnis zum toten Tier nicht reicht, der schreibt Wutbücher gegen die bloße Existenz von Vegetariern und Veganern. So wie die Herren, die im Hirzel Verlag die selbsternannte „Kampfschrift“ „Don’t go Veggie“ veröffentlicht haben. Veganismus und Vegetarismus wird hier, ganz klar, als Symptom einer autoaggressiv motivierten Essstörung entlarvt. Mehr braucht man dazu nicht sagen.

Krieg der „Individualisten“

Und weil auch das ZDF erkannt hat, dass dieser Krieg der „Individualisten“ so lustig ist, sollten Vegetarier und Fleischesser als Gladiatoren in der TV-Arena gegeneinander antreten. „Vegetarier gegen Fleischesser – das Duell“, war im Frühjahr 2014 zur Primetime geplant und groß angekündigt. Doch dann der Schock: Die Show musste im letzten Moment einer Doku über einen Flugzeugabsturz weichen. Skandal! Schnell wurde in den sozialen Medien die Fleischlobby als virtuelle Sau durchs Netz-Dorf getrieben. Klar, denn die Fleischverzehrer können das Duell ja nur verloren haben. Oder?
    Als die Sendung im Herbst endlich doch ausgestrahlt wird, ist das Ergebnis ernüchternd: Keine Seite hat eindeutig gewonnen. Im Gegenteil: Am Ende sitzen „die Gegner“ gemeinsam an einem Tisch und jeder isst, was ihm schmeckt. So ist das eben mit der Realität – sie ist oft etwas langweilig.
Denn die bittere Wahrheit ist: Vegan macht nicht schön, nicht stark und auch nicht seelenreiner.
    Fleisch essen aber auch nicht.

 

Dienstag, 17. Februar 2015

Lügenwurstpresse!

Die Medien sprechen von "Trend", als wäre Vegetarisch-Leben ein neues Strumpfhosenmuster. Was für ein Murks, finde ich.

Trend ist ein schmutziges Wort. Warum? Ein Trend ist schnelllebig, launisch, oberflächlich und arrogant. Er grenzt alle aus, die nicht auf seiner Welle surfen. Der Trend ist die Paris Hilton der Soziologie.
Deshalb mag ich auch keine Menschen, die ein und die selben Dinge jetzt „megakrass“ und später „superuncool“ finden. Heute „Achtsamkeit“, morgen „Exzess“, eklig sowas. Wobei, wenn man ehrlich ist – ganz kann man sich da selbst wohl nie von ausnehmen. Aber man muss es ja nicht gleich so übertreiben.

Systemsülzmedien

„Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch und essen vegetarisch oder gar vegan. Der Trend hat auch die Grüne Woche in Berlin erreicht“, so stand es doch tatsächlich neulich in unserer Regionalzeitung, um nur eine der vielen Berichterstattungen zum Thema zu nennen. Jaja, die bösen Medien. Und wer muss es dann wieder ausbaden? Ich arme Veggie-Wurst. Ständig werde ich nun gefragt: „Du machst also auch mit ... bei diesem Trend?“ Grrrrr.
Haben Sie schon mal einen Gothik-Anhänger gebeten, heute einfach mal pink zu tragen? Einen Hells Angel, ob er statt in die Kneipe mit ins Ballett wolle? Oder einen Punk, ob er morgen mal wieder Lust habe ins Büro zu gehen? Sehen Sie!
Ich habe „das Gegenteil von Trend“ gegoogelt. Weitgehend ergebnislos. Am ehesten lässt es sich wohl mit „Nachhaltigkeit“ oder „Zeitlosigkeit“ beschreiben. Demnach wurde ich nachhaltig vegetarisch geboren. Als Lebenseinstellung, nicht als Trend. Als ich ein Kind war, gab es im Supermarkt keine Veggie-Nuggets, keine Seitan-Schnitzel, keine Extra-Tofuwurst. Und niemand hat mich verdächtigt ein Trend-Veggie zu sein. So ist das im Leben: Alles hat Vor-und Nachteile.

Fleisch, die Droge der Zukunft?

Kennen Sie die Rügenwalder Mühle? Dazugehöriger Spot und Jingle haben mir Zeit meines Lebens Wohlbehagen bereitet: „Feierabend, wie das duftet! Kräftig, deftig, würzig, gut!“ Dieses Landleben, diese Familienidylle, der rauchige Duft des Buchenholzes – herrlich! Einen Vegetarier für einen Wurst-Spot begeistern – das muss doch die Erfüllung des Daseinssinns eines jeden Werbegurus sein. Doch selbst Rügenwalder erlebt derzeit eine „Trendwende“: Innerhalb der nächsten fünf Jahre sollen mindestens 30 Prozent des Umsatzes mit vegetarischen Produkten erzielt werden, stand kürzlich in der „Welt am Sonntag“. Der Wurstmarkt, so hieß es in einem Interview mit dem Rügenwalder-Chef, schrumpfe nicht zuletzt auch wegen des schlechten Images der gestopften Pelle: „Es gibt einige in der Branche, die sagen, die Wurst wird die Zigarette der Zukunft.“ Vielleicht gibt es ihn also doch: den nachhaltigen Trend.

Bulle als Befreiungskämpfer

Und noch eine Schlagzeile hat mich in den letzten Wochen bewegt: In Nordrhein-Westfalen hat ein geschundener, zu ständiger sexueller Reproduktion gezwungener Bulle seinen Bauern getötet. Ein Befreiungsschlag? Aber sicher, befand die Vorsitzende des Vereins „Animal Peace“ und verbreitete die pietätlose Kunde im Internet: „Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen“.
    Zum Glück sind Paarhufer – was derartige „Killer-Trendbewegungen“ angeht – ja nicht so dusselige Herdentiere wie wir Menschen. Tiere kennen, was Trends angeht, nur instinktive Individual-Impulse. Immer. Ich bewundere sie da für ihre Konsequenz. Und deshalb esse ich sie lieber nicht.

Dienstag, 10. Februar 2015

Fleischwurst, der vegetarische Klassiker.

Vegetarische Mißverständnisse in der "Fit for Fun".

Freitag, 5. Dezember 2014

 Lachen ist vegetarisch

Auf Fleisch zu verzichten bedeutet nicht, auch auf jeglichen Genuss zu verzichten – oder auf Lebensfreude überhaupt! Über Askese-Vegetarier kann ich deshalb nur lachen. Denn das ist schließlich gesund.

Einweihungspartys sind klasse. Neulich habe ich höchstpersönlich meine erste eigene veranstaltet. Sie kennen das: Man trinkt, man tanzt, man redet blödes Zeug. Und irgendwann wacht man am nächsten Tag zwischen Konfetti und leeren Rotweinflaschen auf und fragt sich – wie sind wir denn auf dieses Thema gekommen? Aus dem Nebel steigt ein kruder Dialog hervor: „Du bist Vegetarier?“– es ging wohl ums irgendwie versehentlich vegetarisch geratene Büffet – „aber du schreibst doch immer diese Texte gegen uns!?“ Uff.
    Schuld war a) der Alkohol? b) der Alkohol? oder c) mein literarisches Unvermögen? Nein, nein, Fehler machen natürlich nur die anderen, und so beschließe ich selbstbewusst, das besagter Partygast keine Ironie versteht.

„Keuschheit –ein Selbstversuch!“

Überhaupt finde ich, dass wir Pflanzenesser uns oft ein wenig zu ernst nehmen. Auf Facebook war ich bis neulich versuchshalber einer lokalen Vegan-Gruppe beigetreten. „Neulich“, das war der Zeitpunkt, an dem ich zu einem gemeinsamen Keksebacken mit ausdrücklich alkoholfreiem Glühwein geladen wurde. Wer kein Fleisch isst, ist also wieder Kindergartenkind?, stutze ich und recherchiere. Die „Vegan Rebels“, die hier zum Kinder-Krippenfest aufrufen, betreiben – wie soll es auch anders sein – einen veganen Blog. Hier schreiben trockengelegte Yoga-Lehrer über Fleischlos-Themen – im doppeldeutigen Sinne. Mein Lieblingsartikel: „Keuschheit – ein Selbstversuch“– ein wahr gewordener Veganer-Witz! Übrigens: Meine rebellische Anmerkung, Alkohol könne genauso gut vegan konsumiert werden – abgeschmettert! „Christina, vegane Rebellen trinken keinen Alkohol“. Klick: „Gruppe verlassen“! Ökospießer.

Ein gefundenes Fressen

Schwierig finde ich auch, wenn man dieses „sich zu ernst nehmen“ noch auf andere überträgt. Besonders wenn diese Anderen sich nicht wehren können. Sie ahnen worauf ich hinaus will? Man kann inzwischen selbst Hunde vegan ernähren! Und das nicht nur mit rebellisch gebackenen Keksen: Die Futtermittelindustrie hat längst ein Geschäft daraus gemacht – erfolgreich. Wieder ein gefundenes Fressen (Achtung Wortwitz!) für alle Veganer-Kritiker. Denn dieses Beispiel beweist, was man uns Fleischverweigerern gern unterstellt: Wir müssen unsere Ethik stets anderen Lebewesen aufdrängen.
Oder? Im Internet habe ich ein Zitat gefunden: „Früher bekamen ‚unsere‘ Hunde üblicherweise die Reste unserer Mahlzeiten, die nur selten Fleisch enthielten. Fleisch in diesen Mengen wie heute war früher unvorstellbar. Somit wurden Haustiere früher auch vorwiegend fleischlos ernährt.“ Stimmt. Aber eben auch nur vorwiegend. Ein gesundes Maß wäre hier – wie so oft im Leben – angebracht.

 

 Sex, Drugs & Tofuwurst!

Aber so ist es nun mal mit Trends: Ihre Interpretation ist exzesshaft. Und obwohl man bei ernsthaften Themen wie „Massentierhaltung“ natürlich nicht lachen darf – einige Auswüchse des derzeitigen „Vegantrends“ sind schlicht zum Hinten-überfallen. Gerade für Langzeit-Fleischlose wie mich.
    Denn: Kinder! Wer kein Fleisch isst, muss deshalb doch nicht auf sämtlichen Spaß verzichten! Das ist bestimmt nicht gesund. Weshalb mein Credo lautet: „Sex, Drugs & Tofuwurst – für alle!“ Denn lang lebt, wer am längsten lacht. Erst recht über sich selbst.

Freitag, 17. Oktober 2014

Vegan-Terroristen

Manchmal überlege ich in Anbetracht einiger „Vegetarier-Wahrheiten“ radikal zu werden, lasse es aber lieber und schreibe stattdessen Geschichten darüber.

Das schönste am Vegetarier-Sein ist, dass man nichts über sich weiß. Ja, wirklich: Die spannendsten Dinge über mich, erfahre ich aus der Zeitung. Besonders jetzt, wo man in den Großstädten das „Veggie-Sein“ als neue, brandheiße Entdeckung feiert. Dort wo plötzlich junge Menschen in sehr engen Hosen und mit sehr großen Brillen „voll veggie“ leben, „weil das mit den Tieren irgendwie so mal krass nicht okay ist“. Veggie for life! Oder eben die nächsten 3 Monate.

Radikal vegan

„Vegan: Radikale Einstellung wird zum Mega-Trend,“ las ich neulich in einer Art Alt-Herren-Weinmagazin. Eine Überschrift wie ein Dampfhammer. „Veganer? Das sind doch diese vermummten Brandstifter! Steinewerfer! Krawallmacher!“, krächzt ein grantiger Greis in meinem Ohr, mit seinem Krückstock furios durch die Luft fuchtelnd. „Mit fundamentalreligiöser Entschlossenheit“, so der Artikel, würden Veganer sämtliche Tierprodukte ablehnen. Fundamentalreligiös? So, wie diese muslimischen Glaubenskrieger, die postmortem für zehn abgeschlagene Schädel mit doppelt so vielen nackten Jungfrauen belohnt werden? Natürlich. Wen wundert es da eigentlich, das der Titel des Magazins, das diesen Text im Internet veröffentlichte, „Falstaff“ lautet? Falstaff, Shakespeares wohlbeleibter, trink- und raufsüchtiger Soldat, zur Selbstüberschätzung neigend, ein dicker Angeber und Genießer. „Fundamentalreligiös“ – so einen Quatsch kann man auch wirklich nur besoffen schreiben.

Vampir-Veganer

Und so schrieb der Autor weiter: „Sie essen nichts vom Tier und tragen auch keine Gürtel und Schuhe aus Leder.“ OH. MEIN. GOTT. Keine Schuhe! Kein Gürtel! Kein Leder! Krankhaft. Der daraufhin vergebene Titel „sauertöpfische Genuss-Taliban“, scheint deshalb nur gerecht. NUR Fleischgenuss ist Lebenslust! Hmm. Wer ist hier eigentlich die Genuss-Taliban?
„Umstritten ist auch, ob Veganer nicht tief in ihrem Inneren trotz ihrer tierfreundlichen Weltanschauung eine tiefe Lust nach Fleisch verspüren“. Lieber Autor Trunkenbold, der sie ihre Geschichten auf dem Boden eines ausgetrunkenen Weinfasses finden: Natürlich tun sie das. Denn Veganer sind eigentlich nur verirrte Vampire. Und alle schlecht gelaunten Frauen haben zu wenig Geschlechtsverkehr.

Davidine und Goliath

Doch nicht nur aus Zeitungen kann man lernen, auch aus dem Leben. Während eines Radtraining-Wochenendes in Österreich belehrte mich ein Halbprofi-Radl-Gnom über meine Essgewohnheiten. Stellen Sie sich das Männlein so vor: 1,65 cm Körpergröße, knapp 50 kg und Arme, wie Beine als Pommespieker. Ein kränkliches Kind mit Bart im Alter von 35 Jahren. „Du weißt schon das Dir wichtige Nährstoffe fehlen“, konstatierte er nach oben blickend, so laut und selbstbewusst wie kleine Menschen sprechen, die endlich mal gehört werden wollen. Die Gruppe schwieg und schmunzelte. Da standen wir: Davidine neben Goliath. Hätte ich mich in diesem Moment seitlich auf ihn fallen lassen, es hätte wohl keine fünf Minuten gedauert... Aber: Ich wollte mich nicht aufführen wie einer dieser Taliban-Veganer. Ich gab mich einfach damit zufrieden ihn und seine Nährstoffe am Abend nach einer halben Flasche Wein auf den Boden des Weinfasses getrunken zu haben. Dorthin wo so schöne Vegetarier-Wahrheiten gedichtet werden. 

Dienstag, 26. August 2014

Fische sind Pflanzen

Ich esse keinen Fisch – obwohl ich ihn nicht einmal besonders attraktiv finde.
Wer das seltsam findet, sollte diesen Text lesen.

Ich weiß ja nicht wo ihr wohnt, aber bei uns in Norddeutschland hatten wir wieder einen fantastischen Sommer. Naja, zumindest bis zum August. Einen 6-Wochen-Sommer, in dem der örtliche Terrassen-Italiener am See zum absoluten Hotspot avancierte. „Weiß oder Rot?“, galt im milde machenden Sonnenschein plötzlich als akzeptable Weinberatung. Wozu auch mehr wissen? Es schmeckt eben „weiß“ oder „rot“. „Hauptsache es duhnt!“, sagt man bei uns im Norden.

Einmal Gemischtes ohne Tier

Eines heißen Abends suchte ich bei diesem Italiener unter geschätzten 81 Positionen etwas Vegetarisches. Nothing, nada, niente, oder schlicht nüscht, um im Nordischen zu bleiben. Egal, die Sonne scheint, das Leben ist schön. „Und der Salat des Hauses – vegetarisch?“, frage ich Adriano von der Adria Küste. „Gemischtes!“, lautet die uneindeutige Antwort des Chef-Kellners. „Ohne Tier?“, bohre ich weiter. „Si, Si!“.
    40 Minuten und eine halbe Karraffe der edlen Rebsorte „Rot“ später, steht Gemischtes vor mir – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Topping: 250 g Thunfisch à la Katzenfutter-Bukett und darüber eine tellerdicke Scheibe Schinken. Ganz zickige Veggie-Blondine, die ich bin, beschwere ich mich prompt. „Entschuldigung, ich lasse die Schinken entfernen!“, tröstet Adriano. „Und der Fisch?“, konstatiere ich noch empörter. Verständnislose Blicke. „Wieso? Die Fisch isse doch vegetarisch!“. Nee, eigentlich nicht.

Neptun, Gott der schwimmenden Pflanzen?

„Aber Fisch isst du doch?“, wie oft habe ich diese Frage schon gehört. Und: Wie oft habe ich sie nicht verstanden. Wenn die Grundidee des Vegetarier-Seins doch ist, keine Tiere zu essen – warum zum Neptun sollten Fische dann eine Ausnahme sein? Schon rein evolutionsbiologisch eine spannende Frage: Warum werden Fische, wenn es um die Ernährung geht, plötzlich zu Pflanzen?
    Vor einiger Zeit habe ich eine lustige WWF-Kampagne gesehen: Kleine pastellfarbene Fischbabys – runde Gesichtchen, große Augen – schwammen da quietschvergnügt durchs Regenbogen-Wasser: Fishpuppys! Zu deutsch: „Fischwelpen“, wie knuffelig. Rosa Kuschelschwimmer statt glitschigen, grauen Laichs. Die durchaus ernst gemeinte Frage hinter dieser Initiative: Ist etwas weniger schützenswert, nur weil es minder niedlich ist? Das muss wohl jeder für sich beantworten.


Grauer glitschiger Laich versus...

 



 

 

 

 

 

...rosa Kuschelschwimmer.

 

 

 

 

 

  

 

 

Fische: Hässlich und doof?

Die schnelle Suche im Internet zeigt: Pescetarismus ist der Verzicht auf den Verzehr gleichwarmer Tiere. Evolutionsbiologisch seien Fische viel weiter von uns entfernt, als Säugetiere, sagen die Pescetarier. Soll das heißen, dass Seetier-Vegetarier alles Essen, was eben weitaus blöder ist, als sie selbst? Das weiß wohl wirklich nur König Neptun.

Japaner: Gesund und sexlos ?

Wie zu ungefähr jeder erdenklichen Streitfrage, gibt es auch zum Thema Pesco-Vegetarier eine Studie, die alles und nichts beweist. Das Ergebnis: Fisch-Veggies leben länger. Uff. Ein Totschlagargument im besten Sinne. Oder doch nur eine Killerphrase? In Deutschland stürben über 18 Mal so viele Menschen am plötzlichen Herztod wie in Japan, wo praktisch täglich Fisch auf den Tisch käme. Klingt plausibel. Eine andere viel zitierte Japaner-Studie besagt jedoch, dass gleichzeitig immer mehr Japaner die Lust am Sex verlören – und der geht schließlich auch ordentlich auf die Pumpe.
    Und was ist bekanntermaßen noch gut für unser Zentralorgan? Richtig: Rotwein, Sonne und Gelassenheit. Ich sammle also „il tonno“ aus meinem Salat und übergebe ihn dem Pescetarier neben mir. Soll der doch länger leben – wenn auch mit Fisch und ohne Liebesakt.

Donnerstag, 26. Juni 2014

 

Armes Würstchen

Kinder, endlich kann ich zugeben, was ihr lange vermutet habt: Ich bin homotofuell! Geoutet habe ich mich natürlich nicht freiwillg, sondern ein lieber Partygast auf einem Grillfest. Und auf einem solchen kann man sowieso die schönsten Geschichten erleben!

Gerade jetzt im Hochsommer kriegt man diese Frage ja oft gestellt: Was macht ein Vegetarier eigentlich auf einem Grillfest? Tja. Satt werde ich zumindest immer. Leicht habe ich es deshalb trotzdem nicht. Sie finden, ich quengele? Naja. Es ist ja nicht so, als  würde ich regelmäßig versuchen, rohes Fleisch vorm Ertrinken in Marinade zu retten um es dann Mund zu Maserung wiederzubeleben. Ich bin kein Grillfest-Crasher. Im Gegenteil: Ich mag es, zu grillen. Essen am offenen Feuer, das ist so ursprünglich, so natürlich, so gesellig. Ich freue mich über jede Einladung, wirklich!

Es geht um die Wurst 

So war ich vor einiger Zeit bei lieben Menschen zum Grillfest mit Lagerfeuer und kompletter Nachbarschaft geladen. Mit Nachbarn ist es ja wie mit der eigenen Familie: man kann Sie sich nur bedingt aussuchen. Kaum im Garten angekommen, beginnt also die Jagd auf die arme Wurst. In diesem Fall: mich. Die Gastgeber nämlich – um meine außergewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten wissend – hatten sich im Vorfeld mit Fleischersatzprodukten ausgerüstet. Ein lieber Gedanke! Das, was daraus folgte, konnte niemand erahnen – nicht mal ich. „Wann ist die Tofuwurst denn fertig?“, ruft also der Gastgeber quer durch den Garten in meine Richtung, „bei den Dingern erkennt man das ja immer nicht so richtig!“. Der hat gesessen. Stille. Köpfe drehen sich, ich erkenne leichtes Schütteln. Viel zu viele Augen scheinen plötzlich auf mich gerichtet zu sein. „Ich bin enttarnt!“, durchströmt es mich. Das ältere Nachbar-Ehepaar am Grill beäugt währenddessen kritisch den lehmartigen Schlauch-Bratling auf dem Rost.


 Tofu macht homo

„Dü bisd jah vergäahrd rüm!“, sächselt der Nachbar mit Walross-Schnäuzer und Hut. „Ähhm, okaaay“, stottere ich total überrumpelt, habe ich doch gerade erst fünf Minuten zuvor den Garten betreten und noch nicht mal jedem die Hand geschüttelt. Doch ehe ich mich gegen den Vorwurf der Homo-Tofu-alität wehren kann, fällt mir seine Frau ins Wort. „Günn isch des mol brhöbi`an?“, fragt sie, ohne auch nur zu versuchen, den Ekel in ihrem Gesichtsausdruck zu verbergen. Nun gut, ich habe zwar einen Mordshunger, die Menge der vegetarischen Lebensmittel ist wie auf jedem Fleischfresser-Fest streng limitiert, aber „brhöbi`an“ kann sie ja mal.  „Klar“, sage ich sichtlich verwirrt und schon landet mehr als die Hälfte des Sojaprodukts auf ihrem Teller.  Mit spitzen Fingern nimmt die Dame die Wurst, verschlingt sie, kneift die Augen zusammen und schüttelt sich – als äße ein Asia-Tourist zum ersten Mal einen lebenden Mehlwurm. „Dah würst jah grang von“, konstatiert der Walross-Schnäuzer und freut sich über diese medizinisch sicherlich belegte Erkenntnis. Ja, genau denke ich – und von Salat schrumpft der Bizeps.

Tierfleisch-Plagiate 

Ich beginne nach einem großen Schluck Wein Ausschau zu halten und bewege mich rüber zu dem Tisch mit den Getränken. „Wieso isst du überhaupt etwas, das Tierfleisch imitiert?“, beschwert sich prompt der nächste weibliche Gast bei mir. „Bitte?“, frage ich noch etwas verwirrter. Immerhin habe ich selbst noch keinen Bissen gegessen, geschweige denn die verdammte Wurst des Anstoßes in diesen scheinbar immer enger werdenden Garten geschleust. „Naja“, sagt sie, „echte Vegetarier grillen Gemüse!“. „Ok, ach so“, sage ich, die Pseudo-Vegetarierin. Ich bin bereits zu kraftlos, um mich zu wehren. Wobei die Dame ja auch Recht hat: Soja-Steak, Soja-Knacker, Soja-Schnitzel, Soja-Geschnetzeltes, Soja-Gyros, Soja-Burger… Menschen, die fleischlose Gerichte entwickeln, sind sicher alles, aber keine Vegetarier.
    Klar, wenn die armen Schweine schon kein Fleisch essen dürfen, dann sollen die Sojabrocken wenigstens so aussehen wie totes Tier. Ich frage mich: Warum plagiieren vegetarische Lebensmittel so oft Fleischprodukte? Man schreit doch auch nicht nach freier Liebe und trägt dann eine Burka! Und wieso überhaupt immer wieder diese lehmigen, geschmacklosen Konsistenzen? Kein Wunder, dass man uns für solch` leidenschaftslose Genussfeinde hält, wenn die Supermarktregale voll sind mit diesen in verschiedene Formen gepressten Matschklumpen. Dabei gibt es für Vegetarier auf dem Grillfest so viele tolle Alternativen: Grillkäse und leckerer, knuspriger Halloumi zum Beispiel. Man kann so gut wie jedes Gemüse grillen: gefüllt, mariniert, bekräutert, umwickelt – es gibt tausend Möglichkeiten. Oder wie wäre es mit der guten alten Back-oder Grillkartoffel, die lieben alle, nicht nur Vegetarier. Sogar Obst als Dessert funktioniert auf dem Grill. Und natürlich vieles, vieles mehr.

 Das Beste am Feste

Selbst wenn der Gastgeber mal überhaupt rein gar nichts Vegetarisches vorbereitet haben sollte, finde ich auf jedem Grillfest etwas, was mich glücklich macht: Ein schönes, kaltes, frisch gezapftes Bier. Denn das kann man in Anwesenheit des einen oder anderen Partygasts auch wirklich gut gebrauchen.

 

Donnerstag, 3. April 2014

Der enttarnte Vegetarier

Manchmal gerät man als Vegetarier in eine echte Identitätskrise. Denn es scheint,  als wisse die ganze Welt viel mehr über die eigene Person, als man selbst. Wer also nicht von Mettbrötchen-Monstern verfolgt werden will, sollte besser Undercover bleiben.

Viele Wege führen in den Vegetarismus. TV-Dokumentationen zum Beispiel haben oft mit der Abkehr von Fleisch zu tun. Plüschige Küken fallen dort in Todes-Schredder, zusammengepferchte Angst-Schweinchen reißen quiekend die Kugelaugen auf. Gruselig! Da heißt es: Umschalten oder Appetit verlieren, klar.
Andere Vegetarier wiederum finden erst im Mittlebenskriesen-Taumel auf Esoterik-Trips durch Vorderasien zu einer Art spirituellem Vegetarismus. Kichererbsentofucurry als Ageblocker quasi. Wenn´s hilft, wieso auch nicht.
Ich hingegen gehöre tatsächlich zu den wenigen Menschen, die als Vegetarier geboren wurden. Ohne nennenswerte Fremdeinwirkung. Klingt komisch, ist aber tatsächlich so. Ich kann es mir auch nicht ganz erklären. Als Kind habe ich gedacht: Ich mag keine Tiere essen und du keinen Rosenkohl, so ist das nunmal. Doch irgendwann begannen die Menschen in meiner Umwelt seltsame Fragen zu stellen. Und sich urkomisch zu verhalten.
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Ihnen wedelt ständig irgendwo irgendjemand mit seinem Mett-, Leberwurst oder Salamibrötchen vor der Nase rum. Um Sie – achtung – zu erschrecken! Ich meine: Wer hat denn bitte Angst vor einem Brotbelag? Wer ist denn so bekloppt? Man erdenke doch nur mal mein Alltagsleben: Fleischtheke im Supermarkt? Kreischanfall! Spanferkelchen beim Familienfest? Sirenengeheul! Das wäre ja fast so seltsam, wie jemanden mit einem Wurstaufstrich verängstigen zu wollen.

Kantige Ökolandwesen

Zum Glück ist es mir – um solche Situationen zu vermeiden – in den letzten Jahren auch immer ganz gut gelungen, Undercover zu bleiben, wenn es nötig war. Warum? Mich verrät so wenig! Rund und wohl genährt bin ich nach bestem Wissen und Talent gekleidet, recht groß gewachsen, im Sommer braun gebrannt und betreibe auch noch leidenschaftlich gern Ausdauersport. Und Vegetarier? Das sind doch diese in Jute gehüllten, kantigen Ökolandwesen! Blass und ausdruckslos fehlt denen schon die Kraft, auch nur dem nächsten Bus hinterherzulaufen – jeder weiß das!
Seitdem ich jedoch diese Texte in die Welt hinaus schreibe, blogge und poste, bin ich komplett enttarnt. Die da draußen wissen jetzt, dass ich keine von ihnen bin! Und so begann eine neue Ära der Mettmonsterverfolgung.

Veganer sind Mörder

„P.S: Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg ;-)”, stand kürzlich unter einer beruflichen Korrespondenz. Jaja, sehr lustig. „Wenn es eines Tages kein Fleisch mehr zu essen gibt, esse ich eben Vegetarier!“ , schrieb ein noch spaßvogeliger Hamburger Barkeeper unter einen meiner Facebook-Posts. Ach, Sie lachen? Das würde Ihnen vergehen, hätten Sie diese Witze schon so oft gehört wie ich. Dennoch sind mir solche Faxenmacher lieber, als diejenigen, die „ernsthaft“ mit mir diskutieren wollen: „Auch Veganer sind Mörder!!!“, warf man mir kürzlich krönend an die Facebook-Chronik. Was?!? Es folgte ein Link mit krudem Inhalt zur Weltanschauung von Vegetariern: „Die einzige Alternative, der einzige Weg, den Planeten zu retten, sei, gänzlich auf Tierprodukte zu verzichten.“ Und ich dachte immer die Rettung des Planeten sei Sache von Batman & Co.
Und warum bin ich ein Mörder? Weil – aufgepasst! - bei der Arbeit auf dem Gemüseacker doch auch mal das ein oder andere Spinnenbein in den Mähdrescher gerät. Lieber Autor dieses Textes: Ich verspreche mich hiermit demonstrativ an das nächst auffindbare landwirtschaftliche Nutzfahrzeug zu ketten – und sollte mich die Aktion mein eigenes Spinnenbein kosten!

Lieber Freund: Bitte nicht!

Und dann gibt es da noch die Menschen, die sich neuerdings wundern, dass ich gern Wein statt Kräutertee trinke („SIE?“), meine Fleisch verzehrenden Lieben nicht von ihrem dunklen Weg abbringe („Ich küsse den Veganer mit dem Mund voller Hackfleisch“, Deichkind Songtext) oder nicht längst wegen Nährstoffmangels eingegangen bin wie ein welkes Salatblatt. („Ich könnte das nicht!“)
 „Wir müssen reden!“, schrieb mir auch neulich ein Freund als Reaktion auf meine Kolumne. Lieber Freund: Bitte nicht! Ich denke, in diesem Text ist jetzt alles gesagt. 

In Zusammenarbeit mit Weltgrafiker Martin Hannemann.




Mittwoch, 12. Februar 2014

Wen schlachtet der Veganer?

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist Attila Superhildmann! In sich verliebt wie kein anderer zieht der selbsternannte Alleskönner im V-Zeichen für Veganismus durch die TV-Shows des Landes. Stets im Gepäck: Seine Zucchini-Spaghetti. Ein Selbsttest.

 

Ein südländisch aussehender Mann in Bomberjacke lehnt mit dem Rücken gegen einen schroffen Betonpfeiler. Bunte Fantasieabzeichen zieren seine Schulter à la US-Army Pilot. „Schwäche wird sich nicht in meinem Herzen finden lassen“, steht neben dem Foto geschrieben. Und: „Ich will frohen Herzens aufs Schlachtfeld ziehen.“

Attila Hildmann leidet unter SSS, dem Sylvester-Stallone-Syndrom. Quelle: facebook.com, offizielle "Fanpage"

Herrjemine. Soll ich jetzt lachen oder weinen? Mit einer Art Röntgenblick versucht der Kerl die Kamera zu durchdringen. Zumindest kneift er genauso angestrengt die Augen zusammen. Oder ob der einfach mal muss? Ach, der imitiert Rambo? Rocky? Oder so. Na gut. Also Südland-Rambo-Rocky streckt die rechte Hand zu einem seltsamen Gruß aus. Kennen sie Mr. Spock, den Weltraumoffizier aus Star Trek? Ja, genauso spastisch spreizt Rambolino die Finger. Nur richtet er sie nicht militärisch streng im rechten Ellenbogenwinkel gen Himmel, sondern lässig schräg über seine Brust. Um der Geste noch ein wenig amerikanischen Ghettochic zu verleihen. Brennende Mülltonnen außerhalb des Fotos nicht ausgeschlossen.

Ein Vogel? Ein Flugzeug? Nein! Superhildi, der abgehobene Bruchpilot!







  Im Namen der labbrigen Lauchstange

Wer ist also dieser abgehobene Bruchpilot: Ein Vogel? Ein Flugzeug? Nein, jetzt. Es ist Attila Hildmann! Der aus Funk und Fernsehen bekannte Vegankoch, der sich nicht nur auf Facebook als eine Art Gemüse-Terminator mit Hip Hop Hintergrund inszeniert. Im fingergepreizten V-Zeichen – V für vegan – und im Namen der labbrigen Lauchstange kämpft er für... riskiert er Hautabschürfungen an rauem Beton für... ja... wofür eigentlich? Wo liegt sein Schlachtfeld – und – um Gottes Willen – wen schlachtet er?    
    Veganismus ist Pop. Oder sexy. Irgendwie so soll seine Botschaft lauten. Doch bei all der schwurbeligen Pubertäts-Prosa, bei all dem 90er-Jahre Actionheld-Gehabe ist das schöne Ziel ganz schön aus dem Blickfeld geraten. Neben dem fleischberghohen Hildmann-Ego hat es aber auch wenig Platz: Käfighaltung quasi.

Glaubt er sei Rocky, zitiert aber Schwarzenegger. Hildi, der Actionheld-Cocktail. Quelle: facebook.com, offizielle "Fanpage"

 Von Neid und nackter Brust

Auch wer „Vegan for fit“, das zweite Werk des „Künstlers“, in den Händen hält, wird nicht gleich wissen, worum es hier geht. Antwort: Um Ganz! Viel! Hildmann! Hildi, wie er sich rockymäßig Stufen heraufboxt, Hildi, wie er die nackte Brust in die Kamera streckt, Hildi wie er ultralässig mit Lebensmitteln jongliert – und ganz nebenbei immer wieder das Sportmodelabel „Oakley“ schleichbewirbt. Apropos Kleidung: Kann dem Mann mal jemand sagen, dass das permanente öffentliche zur Schau stellen labbriger Jogginghosen nicht supersexy ist? Danke.
    Hat man sich aber erstmal durch die Selbstdarstellungskaskaden gewurstelt, finden sich in „Vegan for fit“ tatsächlich auch noch ein paar Rezepte. Vegan versteht sich. Und: So gut wie frei von Kohlenhydraten. Zwei Dinge, die zugegebenermaßen nicht leicht unter einen tiertextilfreien Hut zu bekommen sind.
    Aber naja, Sie haben es sicher schon geahnt: In Wahrheit bin ich natürlich nur neidisch. Von solch einem hildmannschen Astralkörper kann ich doch nur träumen! Ich, das Pasta-Groupie. Grund genug mich auch in den „Kampf“ zu wagen, dachte ich. Und gab Hildis berühmt-berüchtigten Zucchini Spaghetti eine Chance.

Zucchini-Spaghetti-Cabonara, LowCarb, vegan. Ob der echte Rambo dafür töten würde? Wohl eher nicht.             Quelle:"Vegan for fit".

 Eine Kiste Zucchini gegen den Hunger

Doch schon das Einkaufen gestaltete sich als eine Art Herausforderung. Erinnern Sie sich an mein Energiewert-Gurken-Logical? Wenn eine Zucchini also über circa 30 kcal verfügt – wieviel grüne Stangen brauche ich dann, um satt zu werden? Richtig: Die komplette Kiste. Und an diesem Punkt wurde mir schlagartig klar, von welchem „Schlachtfeld“ Hildmanns Rede war. Haben Sie schonmal in das Gesicht einer gestressten Hausfrau gesehen, der Samstagsmorgens der vollständige Bestand Supermarkt-Zucchini vor der Nase wegschnappt wird? Schrecklich. Ohne mir die „Schwäche in meinem Herzen“ anmerken zu lassen, schlug ich mich also bis zur Kasse durch. Was mir fehlte, war eigentlich nur die lustige Fliegerjacke.
    Im Bioladen dann der nächste Schock: 10 Euro für das im Rezept verlangte Glas Mandelmus. Gott gütiger! Das hieß: 10 Euro pro Familien-Portion „Spaghetti Carbonara“. „Ich will frohen Herzens...“ murmelte ich, das Geld zähneknirschend auf die Kasse blätternd. Zuhause angekommen, drehte ich endlich die Zucchini durch den Spirelli, einen Spezial-Gemüse-Spiralschneider. Die grünen Endlosspaghetti warf ich samt Wuchermus und Räuchertofu in die Pfanne. Noch einen Spritzer Zitrone dazu und das Grün eines ganzen Töpfchens Petersilie, fertig. Kurzum: Das Gericht schmeckt – zugegebenermaßen – ganz lecker. Ja, ich würde es Ihnen sogar empfehlen. Ihnen!
    Aber können Sie sich einen dreckigen, Blut verschmierten Rambo vorstellen, der abends vom Schlachtfeld heimkehrt, und Sie bieten ihm einen Teller voll von etwas an, das den rosawolkigen Namen „Julienne“ trägt – und dann noch nicht mal eine nackte Frau ist? Eben.
"Vegan For Fit" ist eines von drei Hildmann Werken. Das neueste trägt den schönen Namen "Vegan For Youth". Ein Tausendsassa, der Hildi.

 





















Donnerstag, 19. Dezember 2013


Rettung aus der Retorte

Was wäre, wenn man Fleisch künstlich reproduzieren könnte? Was klingt wie eine Star-Trek-Fantasie, ist inzwischen Wirklichkeit. Die Lösung für unglückliche Vegetarier?

 

Wussten Sie eigentlich, dass ich mich nach dem Verzehr meiner ersten Tofuwurst spontan übergeben musste? Oh. Entschuldigung. Ich hoffe, ich störe Sie nicht beim Essen? Nein? Gut. Denn es stimmt wirklich, aber ist nun schon über 10 Jahre her. Wie ich ausgerechnet jetzt auf dieses etwas unappetitliche Thema komme? Nein, nein – die zuletzt gefeierte Weihnachtsfeier hat nichts damit zu tun.

Lang- und Kurzzeitvegetarier 

In einem der letzten Posts habe ich mich ja mit der Einteilung von Vegetariern beschäftigt: Puddingvegetarier, Flexitarier und Frutarier – Sie erinnern sich? Heute ist mir jedoch noch etwas aufgefallen. Es gibt eine Art Überkategorie all dieser „Pflanzenfresser“: Langzeit- und Kurzzeitvegetarier. Ich zum Beispiel bin eine Langzeitvegetarierin – fleischfrei seid +/- 20 Jahren. So genau weiß das niemand, nicht mal meine Mutter, die sich übrigens Zeit meines Lebens einen Spaß aus dem Versuch machte, mir Fleisch unters Essen zu mogeln. Wie oft habe ich Müllbeutel nach blutigen Beweisen durchsucht! Aber das ist eine andere Geschichte.

 Ausgespieener Fleischersatz

Was das alles mit dem ausgespieenen Fleischersatz zu tun hat? Nun ja: Der Verzehr eines wurstförmigen Nahrungsmittels, das auch noch im Geschmack dem eines echten Tieres ähneln sollte, kam mir so neu vor, dass er prompt Brechreiz auslöste. Normalerweise bin ich aber nicht so militant, ich schwöre es. Das Wurstscheibchen, das mein Brot berührt hat? Kein Problem. Der Duft des Weihnachtsbratens, der das Haus durchströmt? Lecker! Aber wie das alles schmeckt? Keine Ahnung! Ich habe es schlichtweg vergessen. Und was man nicht kennt, kann man nicht vermissen. Auch wenn viele „Allesfresser“ das nicht fassen können.

  Ich will etwas reißen!

Anders ist es mit dem Kurzzeitvegetarier. Er hat vor wenigen Jahren seufzend das letzte Steak verzehrt, sich eine Abschiedsträne aus dem Augenwinkel gewischt und dann aus ethischen Gründen dem Fleischgenuss Adieu gesagt. Sehnen jedoch, ja verzehren wird er sich weiterhin nach dem toten Tier. Vor kurzem habe ich in einer TV-Koch-Show eine Dame sagen hören: „Nach 7 Jahren Vegetarismus wollte ich meine Zähne endlich wieder in ein Stück Fleisch versenken – etwas reißen!“. Wie archaisch! Wie prähistorisch! Aber ob Sie es mir nun glauben oder nicht: Ich verstehe diese Dame. Denn Fleischgenuss scheint eine Art animalischer Trieb zu sein, der demjenigen innewohnt, der ihn erst einmal geweckt hat. Eine Art vampiresker Kampf Kopf gegen Bauch. Und irgendwann hatte eben der Bauch der TV-Frau gewonnen...

 Schicht für Schicht 

„Einmal Kunstfleisch-Burger für 300.000 Euro, bitte!“ titelte vor einigen Monaten die ZEIT und machte mich damit neugierig. Laut der Wochenzeitung servierte Forscher Mark Post an diesem Tag in einer englischen TV-Show den ersten Hackburger aus der Petrischale – live gebraten und verzehrfertig inklusive Brot, Salat und Tomate. Aus, wie er versicherte, schmerzfrei entnommenen Rinder-Gewebeproben hatte Post adulte Stammzellen gewonnen, die er anschließend in einer Nährlösung aus fetaler Flüssigkeit ansiedelte und vermehrte. Die einzelnen Zellhaufen mussten dann zu mehreren Muskelstreifen zusammengefügt werden. Schicht für Schicht klebte er so seine Bulette zusammen. Und färbte sie - rein biologisch, versteht sich – mit Safran und Roter Bete fleischfarben ein.




Die Petrischale hat ganz natürlich bereits die Form einer Bulette - praktisch!
Cyberfleisch auf Brot an Salat und Tomate.

 

 Cyberfleisch? Mit Soße ok!

„Eine mögliche Lösung für meine Kurzzeitvegetarier?”, habe ich mich da gefragt. Immerhin scheinen diese durch das inzwischen relativ breite Angebot an Tofu-Fleischersatzprodukten in den Supermärkten noch nicht befriedigt zu sein. Kein Wunder, finde ich. Denn aus Gourmandisen-Sicht betrachtet: Wer könnte schon wirklich etwas lustvoll verzehren, das statt knusprig braun meist leichenfarben ist? Und statt saftig eher zäh wie Knete schmeckt? Eben. Die ins TV-Studio eingeladenen Ernährungsexperten gaben sich dennoch unentschlossen gegenüber der Retorten-Bulette. Lebensmittelforscherin Hanni Rützler stellte sich die Frikadelle zwar etwas saftiger vor, aber mit ein wenig Salz und Pfeffer und viel Soße sei das 300.000 Euro teure Produkt schon „ganz ok”. „In 10 bis 20 Jahren ist das künstliche Fleisch marktreif“, verkündete Post schließlich live. Bis dahin fließe allerdings noch viel Geld und Forschschweiß.
    Ob ich als Langzeitvegetarierin dem Pseudo-Fleischbrät eine Chance geben würde? Hmm. 300.000 Euro in eine Spuktüte? Das ist vielleicht dann doch ein wenig  teuer.

 

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Veggie-Evolution

Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Auch Vegetarier als gemüseverliebte Spezies stellen sich diese Fragen. Denn: Fleischlos zu leben ist keine Erfindung der Neuzeit. Quer durch die Epochen hat es sie immer gegeben - nur in unterschiedlichen Erscheinungen.

Es gibt ja böse Menschen, solche nämlich, die im Oberstufen-Biologie-Unterricht mit halbem Ohr zugehört haben und heute hämisch behaupten: „Ihr Vegetarier habt euch doch um eine Evolutionsstufe zurück entwickelt!“. Haha. Stümperhaft wird diese These dann mit einem Umkehrschluss belegt: Feuer und Fleisch ließ Affenhirn wachsen, dann lässt Feuer und Rübe Menschenhirn schrumpfen. Wie geistreich. Ich meine, wenn das wirklich wahr sein sollte, dann frage ich mich doch: Warum werden wir eigentlich nicht längst von Tigern regiert und von Hyänenkindern als Spielgefährten in Käfige gesperrt? Tja, das soll mir doch mal einer erklären...

Gestaltgewordene Ernährungs-Neurosen

Kürzlich habe ich deshalb in dem Gehobene-Veggie-Küche-Duden schlechthin, dem „Teubner Vegetarisch“, etwas über die tatsächliche Geschichte der Vegetarier gelesen. Dort stand es Schwarz auf Marmorpapier: Wir sind gar nicht die gestaltgewordene Ernährungs-Neurose unserer Zeit – was ja ebenfalls oft behauptet wird. Glück gehabt!
    „Von allem Beseelten enthalte dich!“, schrieb nämlich schon im 6. Jahrhundert vor Christus ein gewisser Herr Pythagoras. Da er glaubte, der Mensch werde in Tieren wiedergeboren, hielt er jeden Verzehr von Fleisch schlichtweg für Mord. So viel Abstraktionsvermögen hätte ich einem Mathematiker bis hierhin gar nicht zugetraut.


Der Mathematiker und Philosoph Phytagoras glaubte im 6.Jahrhudert vor Christus er werde im nächsten Leben als Tier geboren. Wie er sich da so sicher sein konnte? Keine Ahnung. Gewiss ist nur, dass er deshalb zu einem der ersten Vegetarier der Geschichte wurde.



Asketen und andere Spaßbremsen

So war die vegetarische Ernährung für die nächsten 2.400 Jahre als „pythagoräische Diät“ bekannt und halbwegs akzeptiert. Im rückwärtsgewandten Mittelalter jedoch flambierte man vorsichtshalber trotzdem nochmal den ein oder anderen Fleischverweigerer als möglichen Anhänger einer ketzerischen Sekte – man kann ja nie wissen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts zog mit der Aufklärung wieder die Vernunft in Europa ein. So beobachteten die deutschen „Vegetarianer“ sorgenvoll das Aufkommen industrieller Erzeugnisse wie Fleischextrakt und Erbswurst. Zunächst natürlich ein lobenswerter Gedanke. Doch diese „Vegetarianer“ waren in Wahrheit nur eines: Richtige Spaßbremsen. Sie verzichteten nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Gewürze,... schlimmer: Alkohol...und wohlmöglich auch noch auf körperliche Liebe, mindestens aber den Spaß daran. So machten Sie sich grau und freudlos mit selbst Gebackenem Schrotbrot und Rohkost auf den Weg, die Welt zu „verbessern“. Und sind offenbar bis heute nicht sehr weit gekommen.

Lächeln statt Rohkost
Denn: Die modernste Evolutionsstufe des Vegetariers trägt wieder ein Lächeln statt Rohkost durch die Welt. Studien belegen: Nie zuvor lebte anteilig an der deutschen Bevölkerung ein so großer Prozentsatz ohne den Konsum von Fleisch. Der heutige Vegetarier ist kein Neurotiker, nicht auf Diät, kein Anhänger einer ketzerischen Sekte und auch sicher kein Asket mit dem Hang zur Selbstkasteiung durch Spaßentzug. „Zweieinhalb Jahrtausende nach Pythagoras betritt ein neuer Besser-Esser die Bühne Europas:“, schreibt auch die Autorin im Teubner, „der vegetarische Genießer“ – was für ein evolutives Erfolgskonzept!


 Vegetarische Küche ist Genuss für alle Sinne, denn sie ist heute so aufregend und kreativ
wie nie zuvor. Über 180 vegetarische Höhenflüge in Rezeptform, entwickelt von 13 Spitzenköchen und einzigartig in Szene gesetzt, versprechen Genuss pur.
Teubner Vegetarisch, Teubner, um die
100 Euro, ISBN: 978-3-8338-2848-5.

Montag, 7. Oktober 2013

Sternstunden für VEGUXURY-Veggies

Huch? Hat mir der Stern da etwa die Idee vom grünen Gourmet geklaut? Ein Redakteur machte den total verrückten Selbsttest: Genussvoll Essen mit weniger Fleisch. Und ist nun begeisterter "Flexitarier".

"Ideen für ein genussvolles Leben mit weniger Fleisch": VEGUXURY auf dem Stern-Titel dieser Woche.
Zu Studienzeiten berichtete uns mal meine Lieblingsdozentin, dass während ihrer Zeit bei der flippigen 90er-Jahre-Frauenzeitschrift "Amica" sogenannte Selbsttests voll im journalistischen Trend lagen. "Im Schlabberlook zum Date" war eine solche literarische Selbstgeißelung, oder "eine Woche die Familie mit schlechter Laune traktieren". Das gab natürlich die ein oder andere lustige Geschichte.

Beim Nachrichtenmagazin "Der Stern" dachte sich kürzlich Redakteur Bert Gamerschlag ein ähnlich erheiterndes Spielchen aus: Er gab ein Jahr lang probeweise den "Flexitarier", also einen Halbtags-Vegetarier-auf-Gourmet-Niveau. Ganz bestimmt eine schöne Idee. Nur vielleicht nicht ganz so aussergewöhnlich wie der Autor behauptet. Und VEGUXURY-Leser natürlich wissen.

"Man kann auch auch fleischlos glücklich Leben", schreibt Gamerschlag also in dem Artikel. Vor allem lebe es sich abwechslungsreicher, sagt er, weil Mutter Natur uns so viel böte. Als aktiven Vegetarier beschreibt sich der Stern-Redakteur nun, als einen, der selbst vegetarisch kochen lernte und als Gast weder nörgelt, noch missioniert. Wunderbar: Genauso stelle auch ich mir den modernen Vegetarier vor!

Kritikern so richtig auf die Nerven gehen kann mit Beispielen und Grafiken zum Thema "Besser-Mensch-Vegetarier".


Schade nur, dass dann irgendwie doch missioniert wird. Nämlich am Rande des Artikels und in Form von den ewig gleichen Grafiken und Beispielen zum Thema "Besser-Mensch-Vegetarier". Fleischverweiger kriegen weniger Krebs und Infarkte. Aha. Das reinere Gewissen haben sie auch. Oh, oh! Und dann kommt - natürlich -  mein Lieblingsbeispiel: die "Produktion" einer Kuh verschwende im Vergleich zu einer Kartoffel eine Trillion Liter mehr Wasser. Aua, unsexy! Und so geht man mit dieser Besserwisserei Kritikern  nochmal so richtig schön auf die Nerven. Und das obwohl man sie schon fast für die eigene Sache gewonnen hatte.

Wie auch immer. Das total verrückte Ergebnis, des total ungewöhnlichen Selbsttests lautete am Ende also: Ein genussvolles Leben mit weniger Fleisch ist absolut möglich. Mensch, mensch. Das hätten ich dem Herrn aber auch vorher sagen können. Oder habe ich das vielleicht sogar?
















Dienstag, 1. Oktober 2013

Mini-Pudding-Vegetarier und andere Herbivore

Anlässlich des heutigen Welt-Veggie-Tags habe ich mich mal mit der Einordnung von
Ernährungstypen beschäftigt. Das Ergebnis: Pudding-Vegetarier, Frutarier, Veganer –
wenn es um die bevorzugte Speiseform geht, scheint alles möglich zu sein...

Sollte mich mal ein Psychologe zu meiner Kindheit befragen, hab ich seit kurzem die passende Antwort für ihn: Als Kind war ich ein Pudding-Vegetarier. Kein Witz, das ist offenbar ein eingetragener Begriff. Ich habe ihn bei Wikipedia gefunden – sofern Sie dies als stichhaltige Qualitätsquelle gelten lassen.
Und was soll das sein – ein Pudding-Vegetarier – fragen Sie sich nun? Ein Vegetarier, der sich zwar fleischlos ernährt, aber keinesfalls der leckeren Schokolade & Co entsagt. Schlimmer noch: Er bevorzugt den Zucker! Denn wozu auch der Verzicht? Schokolade hat schließlich weder Fell noch Beine. Vegetarier seien pauschal rank, schlank und urgesund, glaubten Sie? Nichts als ein schmeichelhaftes Vorurteil. Leider.

Früchte, sonst nichts

Doch es gibt noch andere Formen des Herbivorismus, also der rein pflanzlichen Ernährung, von denen auch ich erst kürzlich erfahren habe. Obskur zum Teil!  Haben Sie beispielsweise schonmal von Frutariern gehört? Diese Spezies verzehrt – wie der Name schon vermuten lässt – ausschließlich: Früchte. Allerdings, damit es nicht zu simpel wird, nur solche, die sie ernten können, ohne die Stammpflanze zu schädigen. Soll heißen: Nur den Apfel, der sich freiwillig des Lebens müde vom Baum gestürzt hat. Deshalb stehen auch keine Gemüsepflanzen auf dem frutarischen Speiseplan. Durch den Verzehr von Blättern, Stielen oder Wurzeln würde die Pflanze schließlich zerstört werden.
Stellen wir uns doch mal einen derartigen „Fallobstler“ im Spitzen-Restaurant vor: Der arme Koch, der versichern muss, den hilflosen Apfel nicht mit Gewalt vom Baum gerüttelt zu haben! Und überhaupt: Ein Menü aus Obst-salat, -püree und -kompott zuzubereiten macht sicher wenig Freude.


Ohne Gelatine ein rein vegetarisches
Vergnügen: Die Sahnetorte.


Vegetarier-Sein ist Standard

Noch spotte ich. Aber in zehn bis fünfzehn Jahren, da sind mir meine eigenen Zeilen vielleicht sogar schon peinlich. Als Kind, als Mini-Puddingvegetarier, da blieb mir beim Restaurantbesuch oft nichts anderes übrig, als die klassische Pizza Margherita, oder die fragwürdige Beilagenzusammenstellung Pommes Frites mit Sauce Hollandaise und anfallenden frittierten Gemüsen. Aber heute? Heute bekommt man doch noch im hintersten Eckchen Castrop-Rauxels eine leckere und gesunde Veggie-Alternative. Aber was sage ich Alternative – ein vegetarisches Menü gehört inzwischen eigentlich in jedem Restaurant zum Standard auf der Karte.

Vegan-Sein ist hip

Und diesen Standard beginnen nun auch die Veganer für sich zu beanspruchen. Verständlich. Küchenchefs wie Björn Moschinski arbeiten daran, vegane Küche weiter auf Spitzenniveau zu etablieren. Noch verständlicher. Noch vor wenigen Jahren befanden sich Veganer als Jutebeutel schleppende Hippies am Rande der schicken Gesellschaft. Heute werden besagte Beutel als hip gewordenes Accessoire in die gehobene Gastronomie getragen.
Also wer weiß: Irgendwann einmal wird selbst der frutarisch korrekt vom Baum gefallene Apfel mit Blattgold bestrichen werden. Solang das Gold niemand gewaltsam aus dem Stollen gerissen hat, versteht sich...

Mittwoch, 18. September 2013

Alpträume, Alpschäume

Vegetarier haben es nicht leicht, Chefköche auch nicht. Die einen mäkeln ständig an der Speisekarte herum, die anderen geben sich größte Mühe dem gerecht zu werden. Dabei wäre doch alles so einfach: Serviert noch viel mehr von dem Guten! Und vor allem: Keinen Gurkenschaum. 

Gurkenschaum, immer wieder Gurkenschaum. Ich meine, die Rechnung ist doch ganz einfach: Wenn eine ganze Gurke lediglich über einen Energiewert von circa 20 kcal verfügt – wie hoch kann dann schon der eines kleinen Gläschens des bloßen grünen Gemüseschaums sein? Richtig: Er geht gegen null. Denn ich betone hier bewusst den ENERGIEwert, nämlich die Kraft, die uns durch die Nahrungsaufnahme zurückgeführt werden soll. Möglicherweise denken Sie jetzt nämlich nur noch an das „Fettmach-Monster“ Kalorie. Vielleicht gehören Sie gar zu denjenigen, die ständig versuchen es durch akribisches Zählen zu bezwingen. Doch vergessen Sie nicht: Essen soll nicht nur Genuss liefern, sondern eben auch Lebenskraft. Und davon liefert besagtes Stangengewächs leider kaum etwas. Haben Sie zum Beispiel schon mal versucht mit nichts als einer aufgepusteten Gurke im Magen einen Marathon zu laufen? Nur einen langen Spaziergang zu wagen? Meinetwegen schlicht einen klaren Kopf zu behalten? Sehen Sie: Fehlanzeige. Viel mehr als Schaum wäre da auch nicht mehr in Hirn und Wade.


Vegetarier haben Hunger!

Nun, Sie werden sich jetzt fragen, wie ich dazu komme ausgerechnet über die Energiebilanz von mit Luft versetzten Gemüseessenzen zu sinnieren. Verständlich. Dazu gibt es ein seltsames Antworten-Triptychon: a) Ich bin Vegetarierin. b) Ich bin eine vielleicht nicht ganz so erfolgreiche, aber dafür doppelt so ambitionierte Triathletin. Und c) Ich habe einen Faible für die gehobene Küche. Eine bösartige Kombination? Ja, ja, ja… Sie haben ja Recht. Denn eines haben Exemplare meiner seltenen Spezies immer: Hunger. Aber daran sind wir nicht allein Schuld. Denn landläufig gilt in diesem aber auch in anderen Ländern die betonharte Meinung: Wer keinen Appetit auf Fleisch hat, der hat auf gar nichts Appetit. Wie sonst sollte ich mir die immer wieder gestellte Frage erklären: „Du isst weder Meer- noch Landbewohner? WAS ISST DU DENN DANN?“. Gurkenschaum! Was sonst?

 

 Leerer Brotkob, leerer Magen 

Genau diesen bekam ich nämlich schon bei meinem allerersten Gourmet-Restaurantbesuch vorgesetzt. Und dann mal als Vorsuppe, mal zum Hauptgang, mal dazwischen. Immer wieder. Aber auch von „Drei Rote Beete Ravioli an Ingwer- Chilli-Espuma“ und ähnlich Minimalem wird nicht einmal ein ach so freudloser Vegetarier satt. Und so schauen wir hungrig zu unseren Tischherrn und Damen hinüber, beobachten mit knurrenden Mägen wie sie dick geschnitten Kobe-Beef-Stücke verschlingen. Rettungssuchend tastet sich so also der nächste fleischleere Blick zum Brotkorb hinüber – der von ungeduldigen Nicht- Vegetariern, den Karnisten quasi, bereits vor Beginn des Menüs restlos geleert wurde. Na dann: Prost Gurkenschaum!

Von Gutem kriegt man nie genug 

Liebe Chefköche, dies ist kein Angriff auf euer Können! Denn wir Vegetarier sind eindeutig das, was das norddeutsche Wort „krüsch“ am besten beschreibt: penibel wählerisch. Was ihr dennoch - in den allermeisten Fällen - aus den vegetablen Schätzen der Natur spontan auf unsere Teller zaubert, ist hingegen wunderbar. Und genau deshalb wollen wir ja auch nur eines davon: Mehr!

Gurkenschaum aus dem "Le Moissonnier", Köln.